Hyperaktivität

Medikamentöse Behandlung:
Sehr stark in der Diskussion ist zumindest in Deutschland die Gabe von Stimulanzien wie z.B. Methylphenidat (Ritalin oder Medikinet), also unter das Betäubungsmittelgesetz fallende Medikamente, bei schwer von ADS betroffenen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Weltweit gehen viele Fachleute inzwischen davon aus, dass ADS eine neurobiologische Störung ist, die mit einer andersartigen Informationsverarbeitung einhergeht und die in einigen Fällen nicht alleine durch verhaltenstherapeutische Maßnahmen oder spezielle Förderung in den Griff zu bekommen ist.

Die Kommunikation der Nervenzellen untereinander, die über die so genannten Neurotransmitter geschieht, ist verändert. Neurotransmitter haben einen wesentlichen Anteil an der Weiterleitung von Reizen. Zwei dieser Neurotransmitter heißen Dopamin und Noradrenalin, und genau diese beiden scheinen dafür verantwortlich zu sein, dass Informationen und Reize anders übermittelt werden, als sie sollten.

Man hat nun schon vor vielen Jahren herausgefunden, dass extrem unruhige, hyperaktive Kinder auf eine Behandlung mit einem Stimulanz positiv reagieren. Stimulanzien, wie es das Medikament Ritalin ist, können die Ungleichheit im Neurotransmittersystem ausgleichen, also die Informationsverarbeitung und -umsetzung sowie die Speicherung verbessern. Das ADS-Kind erlangt damit die Fähigkeit, aufmerksamer zu sein und Reize besser filtern zu können. Seine erhöhte Aufmerksamkeit ermöglicht es ihm endlich, interessiert am Unterricht teilzunehmen und seine intellektuellen Fähigkeiten auch voll einsetzen zu können.

In vielen Fällen kann die Gabe von zum Beispiel Ritalin oder dem Amphetaminsaft, kombiniert mit einer verhaltenstherapeutischen und psychosozialen Unterstützung der Familie, zu sehr guten Behandlungsergebnissen führen. Es ist jedoch immer eine Einzelfallentscheidung, die niemals vorschnell oder leichtsinnig gefällt werden darf.


Diät-Behandlung:

Diät kann helfen. Es wurden Studien vom Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegeben. Ergebnis: Überaktives Verhalten kann bei allergisch reagierenden Kindern durch bestimmte Nahrungsmittel hervorgerufen werden. Die Nahrungsmittelstoffe können bei jedem Kind verschieden sein. Deshalb wäre es falsch, generell bei allen hyperaktiven Kindern auf dieselben Zusätze wie z.B. Phosphate im Essen oder auf Zucker zu verzichten.

Erst nach einer Testphase kann eine wirksame Diät zusammengestellt werden. Sie muß im Alltag konsequent befolgt werden, was von einem Kind viel Disziplin erfordert. Entsprechend ist die Unterstützung der gesamten Familie wichtig.

Das gilt auch für die medikamentöse Behandlung. Sicher ist eine gesunde Skepsis gegenüber Arzneimitteln richtig. Aber in bestimmten Fällen sind sie unverzichtbar und für das betroffene Kind außerordentlich hilfreich.

Psychologische Behandlung:
Als eine wirksame Behandlungsmethode von ADS hat sich im Bereich der Psychotherapie die Verhaltenstherapie für Kinder herausgestellt. In einer Verhaltenstherapie können das ADS-Kind und seine Eltern durch den Therapeuten lernen, sich in bestimmten Situationen angemessen zu verhalten. Soziale Kompetenzen werden trainiert und geübt, das Kind lernt sich und seine Handlungen besser und bewusster wahrzunehmen und zu kontrollieren.

Durch spezielle Programme wird versucht, die Dauer der Aufmerksamkeitsspanne des Kindes sukzessive zu verlängern, den Wahrnehmungsstil zu systematisieren, planvoll und zielgerichtet zu arbeiten, die Impulsivität zu lenken und mit der Hyperaktivität produktiv umzugehen.

Ein wichtiger Bestandteil der Therapie ist das Vermitteln von Strategien für Kinder und Eltern, um den Alltag besser organisieren zu können. Das Erledigen von Pflichten, das Setzen von Ordnungsstrukturen und die Wahrnehmung von Zeit sind ebenfalls wichtige Aspekte.

Das ADS-Kind lernt in verhaltenstherapeutischen Sitzungen ganz praktische Dinge wie seinen Ranzen zu packen, sich zügig anzuziehen oder beim Spielen zu verlieren, ohne einen Wutanfall zu bekommen. Es bekommt Hilfestellungen und Tipps zum schnelleren Einschlafen und zum Aufräumen seines Zimmers. In Gesprächen mit den Eltern werden Möglichkeiten diskutiert, das Familienleben durch strukturelle Hilfen, Entlastungen und Unterstützungsformen zu erleichtern. Durch die Vermittlung der Sichtweise des Kindes, seiner Wahrnehmungswelt erkennen die Eltern die Gründe des Verhaltens ihres Kindes besser. Sie werden dadurch in die Lage versetzt, Angriffe und Entgleisungen nicht immer persönlich zu nehmen, sondern sich distanzierter um eine Unterstützung des Kindes und seiner Probleme zu bemühen.

Gut bewährt haben sich sogenannte Punktepläne, bei denen das Kind für erledigte Aufgaben Punkte erhält, die es später gegen eine Belohnung eintauschen darf. Diese Pläne werden mit dem Therapeut angelegt und eingehend besprochen. Regelmäßig erfolgt eine Anpassung an veränderte Situationen.


Das Wahrnehmungstraining (Perzeptionstraining)
Das Training, das sowohl einzeln als auch in kleinen Gruppen durchgeführt werden kann, vermittelt z.B. die Schulung der Verarbeitung optischer Eindrücke, so dies betroffen ist, (Wahrnehmung) im Zusammenhang mit der eigenen Körperlage, dem Raumempfinden und der Wiedergabe auf anderen Gebieten. M. Frostig bezieht das "Körperbewußtsein" in ihr Therapieprogramm ein.

Ist die eigene Körpermitte bekannt, wird z.B. die Mitte des Malblocks erkannt oder die Mitte der Linien im Schreibheft. Hinzu kommt ebenfalls das Erkennen von großen und kleinen Verhältnissen, wie geschrieben werden muß, um auf dem Papier mit dem Platz auszukommen. Können Figuren, Buchstaben usw. nachvollzogen werden, die vorgegeben sind; wird ein Kreis oder ein Rechteck als solches erkannt und reproduziert; werden die Zeilen beim Schreiben erfaßt, ist eine optische und räumlich Begrenzung möglich? Können Figuren nachgemalt und wiedergegeben werden? Ein Wahrnehmungstraining kann auch nur dann sinnvoll sein, wenn es nicht isoliert gesehen wird, sondern in ein abgerundetes Programm zur Förderung der Gesamtentwicklung integriert wird.

Wahrnehmungstraining bezieht sich auch auf andere Wahrnehmungsbereiche, wie der allgemeinen Körperwahrnehmung, der Bewegungsempfindung, der Sensibilität (Tastsinn) oder der Gleichgewichtssinn beziehen.


Eine spezielle Therapieform dabei ist die Sensorische Integrationstherapie.

Sensorische Integration gehört zur normalen Entwicklung. Die Aufnahme und Verarbeitung von Sinneseindrücken wie Bewegung, Berührung, Körperhaltung, Riechen, Schmecken, Hören und Sehen wird als Voraussetzung für das Erlernen von angemessenem Handeln, Verhalten, Sprechen, die Lernfähigkeit selber (hinsichtlich Konzentration, logische Denkprozesse) oder der Feinmotorik u.a. angesehen.

Integration bedeutet hier, Sinneseindrücke werden im Nervensystem und Gehirn weitergeleitet, verarbeitet und eingeordnet, sodaß ein sinnvolles, angepasstes Verhalten erfolgen kann.

Sensorische Integration fängt schon Mutterleib an und findet verstärkt in den ersten Lebensjahren statt. In dieser Zeit werden die Grundstrukturen für alle weiteren Vernetzungen der Sinnessysteme gelegt. Dieser Prozeß setzt sich mit abnehmender Intensität lebenslang fort.

Die Behandlung erfolgt auf der Basis der o.g. Grundlagen, dass also die Entwicklung auf einer angemessenen Verarbeitung von Sinnesreizen basiert und bei gestörter Verarbeitung sich Probleme hinsichtlich Verhalten, Lernen, Körperempfinden mit Koordinations- und feinmotorischen Störungen u.a. entwickeln können.

In der Behandlung werden die für eine normale Verarbeitung benötigten Sinnesreize gezielt eingesetzt, wobei das Kind eigenaktiv auswählen und handeln soll und der Therapeut das Handeln strukturiert und gestaltet (Raum, Geräte).

Die Behandlung setzt am dem Kind entsprechenden Entwicklungsstand an, also da wo das Kind bereits etwas kann und es erfolgt dann eine Steigerung der Anforderungen.

Sinnessysteme, die angesprochen werden sollen sind das Tastempfinden, Bewegungs- und Körperstellungsempfinden und der Gleichgewichtssinn.

Die Störung der Sensorischen Integration kann als eine mögliche Ursache für hyperaktive Erscheinungsbilder gesehen werden einschließlich der damit häufig einhergehenden Lernstörungen und motorischer Ungeschicklichkeiten.


Psychomotorik:

Die Behandlung findet einzeln, in kleinen und größeren Gruppen bis zu 8 Kindern statt.
Gefördert werden soll z.B.:

die Grob- und Feinmotorik,
die Koordination und Konzentration,
die Körperbeherrschung,
Rücksichtnahme und allgemein das soziale Verhalten, die Anpassung an bestimmte Gegebenheiten,
das Selbstbewußtsein mittels motorischer Leistungen, die Selbsteinschätzung,
das Verkraften motorischer Mißerfolge. Außerdem soll das Kind Erfolgserlebnisse haben und lernen, sich mehr zuzutrauen.

Im Rahmen der Behandlung werden die genannten Ziele über bestimmte Bewegungsaufgaben erarbeitet, welche häufig in ein Parcours eingebaut werden. Zur Anwendung kann kommen das Trampolin, Balancierstrecken, Rollbretter etc.

Der Erfolg einer Teilnahme an diesen Stunden, die sich teilweise über Monate oder Jahre erstrecken, läßt sich nicht immer in konkreten Werten ausdrücken. Er läßt sich nicht in der Fähigkeit messen, wie hoch oder weit ein Kind springt, sondern vielmehr darin, daß es sich zutraut, überhaupt ein Hindernis zu bewältigen; sich so einschätzt, daß es bestimmte motorische Leistungen schaffen kann, selbst wenn es dabei unterhalb einer Gruppennorm liegt und sich ferner Dinge zutraut, die es bislang nicht gewagt hat. Man kann feststellen, dass sich der Entwicklungsstand der Kinder altersentsprechender ausgeprägt hat und das Kind sich seiner Fähigkeiten viel bewusster ist.


Die Ursache für ADS kann sein und ist aber im einzelnen Fall nicht immer genau bestimmbar (!):


Sauerstoffmangel vor, während oder nach der Geburt
Gifte im Mutterleib (Nikotin, Alkohol, Medikamente, Umweltgifte)
Unangepasste Sinnesangebote, mangelnde Anregung, mangelnder Gebrauch
Mangelnde Eigenbewegung (infolge von Körperbehinderungen)
Seelischer Druck

 

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